Gleisdorf

Studienanleitung

JESAJA

Januar | Februar | März 2021
Samstags um 9:30 Uhr  über Zoom

Seit sie zum ersten Mal geäußert wurden, sind die Worte des Propheten JESAJA in unser Bewusstsein eingeprägt, ja sie sind sogar darin verankert. Es gibt unvergessliche Worte, die nicht nur bedeutungsschwer sind, sondern auch voll Hoffnung und Verheißung, Worte wie „Gott ist mit uns“ (Jes. 7,14 NLB), “denn uns ist ein Kind geboren“ (Jes. 9,5), „alle Täler sollen erhöht werden (Jes. 40,4) und: „Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes. 53,5)
Worte erzeugen Bilder, Vorstellungen, Echos; schwache, dürftige Worte erzeugen schwache, dürftige Bilder; kraftvolle, edle, gut formulierte Worte erzeugen kraftvolle, edle Bilder und lauten, klaren Widerhall. Das erklärt natürlich, warum Jesajas Worte so laut, so klar zu uns sprechen - selbst nach 27 Jahrhunderten.
In seinem Lied vom leidenden Gottesknecht (Jes. 52,13-53,12) zeigt Jesaja zum Beispiel ein Bild des Messias in einer feineren Auflösung als irgendwo sonst im Alten Testament. Dieser Abschnitt allein reicht aus, um den Namen „Evangelist unter den Propheten” zu rechtfertigen.
Außerdem ist seine Vorhersage über Kyrus, den er eineinhalb Jahrhunderte, bevor der persische König Babylon eroberte (Jes. 44,28-45,6), namentlich erwähnte, so erstaunlich konkret, dass einige Wissenschaftler einen Großteil des Jesajabuches einem späteren „zweiten Jesaja“ zugeschrieben haben - eine hohle Erfindung jener, die nicht über die verkrusteten intellektuellen Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft hinausblicken können.
Mit einer einzigartigen Mischung aus lebendigen Bildern, unvergleichlichem poetischem Rhythmus und Gleichgewicht, Beethoven-ähnlichen dramatischen Kontrasten und einem reichen Geflecht aus tiefgründigen Themen, die in einem ausgefeilten symphonischen Prozess der kontinuierlichen Ausgestaltung und Entwicklung wiederkehren, ist Jesajas inspiriertes Buch ein würdiger literarischer Träger für göttliche Gedanken, die so viel höher sind als das Weltliche, wie die Himmel höher sind als die Erde (siehe Jes. 55,9). Selbst in der Übersetzung, die die sinnträchtigen Wortspiele und Alliterationen des Hebräischen verliert, findet sich in der Geschichte der säkularen wie sakralen Literatur wenig, was dem Buch Jesaja das Wasser reichen kann.
Wir kennen seine Worte, so eloquent, so poetisch, so emotional und aussagekräftig, aber kennen wir den Mann Jesaja und die Welt, in der er schrieb, betete und weissagte? Als das grausame Assyrische Reich zum Zenit seiner Macht aufstieg, war es eine Zeit erdrückender Gefahr. Schlimmer noch, das Volk Juda, das auserwählte Volk, sank immer tiefer in moralische Schwäche. Gier und Elend stritten auf den Straßen. In ihrem Kampf um Reichtum oder Überleben pafften einige die narkotischen Dämpfe eitler Euphorie, während andere in Verzweiflung dahinwelkten. Jesaja wollte die Identität seines Volkes bewahren, indem er einen Überrest aus einem Zustand der Verdrängung herausriss und in der Realität verankerte. Dazu rief er sein Volk auf, an seinem Gott festzuhalten, an dem Heiligen Israels, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, der jeden namentlich kannte und der versprach, sie aus dem Feuer zu erretten, aber nur, wenn sie hörten - und gehorchten.
Jesaja beriet Könige. Als der kleine Teil von Gottes Überrest in einer durch assyrische Legionen dem Untergang geweihten Stadt eingeschlossen war, bestärkten Jesajas prophetische Worte König Hiskia, nach dem Wunder Ausschau zu halten, das Jerusalems einzige Hoffnung war (Jes. 30-37). Wäre Jerusalem [schon] zu jener Zeit [an die Assyrer] gefallen statt ein Jahrhundert später an die Babylonier, hätte die assyrische Politik der Zerstreuung besiegter Völker die nationale Identität Judas in Luft auflösen können. Es hätte also kein jüdisches Volk gegeben, aus dem der Messias, der Retter der Welt, hätte hervorgehen können.

In diesem Vierteljahr werfen wir einen Blick auf Jesaja, auf seine Worte, seine Zeit, seine Zwangslagen, aber vor allem auf seinen Gott, den Gott, der uns damals wie heute zuruft: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes. 43,1)

Dr. Roy Gane, Hebräischspezialist, lehrt Altes Testament am Adventistischen Theologischen Seminar auf dem Campus der Andrews University in Berrien Springs, Michigan.